Moderne Krebstherapie: mehr genomische und weniger anatomische Gemeinsamkeiten

(mko) Im Focus der  modernen Krebstherapie stehen inzwischen  mehr genonomische und weniger anatomische Gemeinsamkeiten. Das heißt, Erkrankungen anhand ihrer Biologie therapieren. Es setzt sich immer mehr der Gedanke durch, dass Krebs eine Erkrankung der Gene und weniger der betroffenen Organe ist. Diese Erkenntnis verändert die Forschung und wie Patienten zukünftig behandelt werden können. Moderne Krebstherapien verfolgen daher einen entitätsübergreifenden Behandlungsansatz. Sie richten sich gegen die individuellen Angriffspunkte der Erkrankung, die für die Entstehung und das Wachstum des Tumors verantwortlich sind. Beispielsweise die Prüfsubstanz Entrectinib bei NTRK-Fusions-positiven Tumoren. NTRK-Genfusionen sind der Auslöser für verschiedene Tumorarten bei Erwachsenen und Kindern.
Auf der Jahrestagung der American Society for Clinical Oncology (ASCO) in Chicago wurden neue Erkenntnisse aus diesem Feld vorgestellt. Inwiefern sich die Krebstherapie durch dieses Umdenken verändert und welche Auswirkungen dies auf die Forschung hat, war Inhalt einer Pressekonferenz in Düsseldorf der Roche Pharma AG.

Der bisherige Ansatz: Eine Krankheit – eine Behandlung . Lange Zeit beherrschte dieser Gedanke die Krebs-Medizin. Heute weiß man mehr als jemals zuvor darüber, wie Krebs entsteht und sich ausbreitet: Verantwortlich sind spezifische Veränderungen in unseren Genen. Diese können auch Auskunft geben, ob eine Therapie Erfolg haben wird. Daher werden Patienten mit malignen Erkrankungen heute mehr und mehr aufgrund der spezifischen genetischen Veränderungen ihres Tumors stratifiziert und im Sinne der Personalisierten Medizin behandelt.

„In Zukunft werden sich Therapien daher zunehmend auch an genomischen und weniger an anatomischen Gemeinsamkeiten orientieren. Das bedeutet: Behandlung immer kleinerer und heterogenerer Subgruppen, differenziert anhand individueller genetischer Veränderungen. Wissenschaftler haben das gesamte menschliche Genom sequenziert , alle knapp 23 000 Gene, so dass es möglich ist, jede genetische Veränderung – gegenüber den normalen Genen – zu dokumentieren. Gen für Gen und jetzt auch Signalweg für Signalweg geben den Wissenschaftlern heute Einblick in die Biologie des Krebses. Und diese Sequenzierung des Krebsgenoms stellt die genetische Anatomie von Krebs dar.
In diesen neuen Konzepten kann die Tumorlokalisation zum Teil nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. ” Daher erwarten wir, dass Behandlungsstrategien, die Entitätsgrenzen überschreiten, zukünftig deutlich an Bedeutung gewinnen werden“, so Dr. Benedikt Westphalen, vom Klinikum der Universität München.

Die Prüfsubstanz Entrectinib (einTyrosinkinase-Inhibitor in der Entwicklung) ist ein solch neuer Therapieansatz.  Er wird histologieübergreifend derzeit in zehn verschiedenen Tumorarten untersucht, u. a. für die Behandlung von Patienten mit NTRK-Fusions-positiven soliden Tumoren und ROS1-Fusions-positivem nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC). NTRK-Fusionsgene sind als onkogene Treiber bekannt. Sie kommen insgesamt zwar sehr selten, dafür aber in vielen verschiedenen Tumorentitäten vor. Die Wirksamkeit von Entrectinib wurde in mehreren Studien (STARTRK-2, -1 und ALKA-372-001) untersucht. „Für Patienten mit NTRK-Fusionspositiven soliden Tumoren und ROS1-Fusions-positivem NSCLC ist Entrectinib ein vielversprechender Wirkansatz“, sagt Dr. Westphalen.

 „Der Wandel von einer tumor- zu einer biomarkerbasierten Krebstherapie bedeutet auch, dass sich die Studiendesigns ändern“, so Dr. Susanne Schach, Real-World-Data Director bei der Roche Pharma AG. „Und je geringer die Prävalenz einer Erkrankung ist, desto kleiner wird die potenzielle Studienpopulation“. Dies ist eine besondere Herausforderung, wenn ein neuer Wirkstoff in klinischen Studien untersucht werden soll. „Oft ist es nicht möglich, für diese wenigen Patienten randomisierte klinische Studien aufzusetzen. Hinzu kommen auch ethische Aspekte: Gerade bei zielgerichteten Therapieoptionen ist eine Kontrollgruppe aufgrund von Wirksamkeits- und Verträglichkeitsunterschieden nicht immer zu vertreten“, so Dr. Schach.

Die Nutzung von Real-World-Daten (RWD) kann jedoch die Aussagekraft dieser Studien steigern.Digitale Technologien weisen auch in der Medizin den Weg in die Zukunft. Dazu gehören große Mengen potenziell bedeutsamer (genetischer) Daten , die ausgewertet, strukturiert und vernetzt werden können, um sie für die Medizin nutzbar zu machen.